08I08I20 bis 26I09I20   DISCO.VERY   Katrin Pieczonka

Im Sommer 2020 feierten das Künstler Gut Loitz und Katrin Pieczonka eine Premiere. Erstmals wurden die Wände des Aus-stellungsraums Peenetranz von einer Künstlerin farbig gestaltet und erstmals konnte Pieczonka eine temporäre Wandgestaltung für eine Soloausstellung ihrer Malerei realisieren. Der Titel zur gleichnamigen Ausstellung, die sie als artist in residence vor Ort entwickelte, wirft zunächst einige Fragen auf. Werden wir erinnert an einen Jahre oder Jahrzehnte zurückliegenden Besuch einer Diskothek beziehungsweise an ein Lied, zu dem wir tanzten? Ist das Eintauchen in DISCO.VERY ein außerge-wöhnliches Abenteuer für unseren Sehsinn? Werden wir gemäß dem englischen discovery etwas Neues entdecken und den Ausstellungsraum in Loitz auf eine ungewohnte Art erfahren? Ja, ja und nochmals ja.

 

Musikalisch inspiriert ist bereits der Titel, dem der 2014 veröffentlichte Song Disco/Very der US-amerikanischen Indie-Band Warpaint aus ihrem gleichnamigen Album zugrunde liegt. Durch Pieczonkas häufig aus der Literatur oder Musik entlehnten Ausstellungstitel – wie 2016 das shakespearesche „Tomorrow, tomorrow and tomorrow“ – entsteht eine Metaebene, die es zu ergründen gilt. Im Text der vierköpfigen Frauenband heißt es: „If you had to go where I was not looking out | It won‘t happen anymore but look what I found.“ Die dadaistischen Zeilen korrespondieren mit den unerwarteten Fundstücken, die Pieczonka bei ihrem ersten Kurztrip nach Loitz im Herbst 2019 mit ihrer Kamera festhielt, und die die Basis für DISCO.VERY darstellen. Es sind die unscheinbaren, beiläufigen Gegebenheiten der von ihr besuchten Orte, die Eingang in ihre Malerei halten. Diese von ihr so genannten „Unorte“ in Loitz fand sie vor allem an menschenleeren Orten, die gegensätzlicher nicht sein könnten: ein Nebeneinander von Verfallenem und Renoviertem, Neuem und Altem, Trostlosem und Optimistischem, das das Ortsbild so charakteristisch macht. Aus den Fotografien entstanden in ihrem Kieler Atelier groß- und kleinformatige Leinwandarbeiten für die Ausstellung, in der zwischen der abstrakten Adaption bruchstückhaft ebendiese Unorte in Form von Gardinen, Fachwerk oder Speicherarchitektur des Loitzer Hafens aufblitzen. Sie folgen dem Prinzip eines ersten, intuitiv entstandenen Aufbaus, eines Auslotens von Konsonanz und Dissonanz. Diese Herangehensweise der häufigen Übermalungen bleibt in Pieczonkas Malerei jedoch fragmentarisch stets sichtbar. Ihre vor Ort konzipierten Wandmalereien ergeben in Kombination mit den  Bildern neue Synästhesien, die sich in der Durchdringung vom Innenraum und Außenraum manifestieren. 

 

Madeleine Staedtler, Museumsberg Flensburg

(Auszug aus dem Katalogtext zur Ausstellung, S.43)